Deutsche Schönheit und niederländische Tugend

Die Niederlande tritt heute Abend gegen Deutschland an. Dieses Duell hat in der Vergangenheit für großen Hass auf Seiten der Niederländer gesorgt, aber diese Zeiten scheinen vorbei zu sein. Die heutige deutsche Nationalmannschaft spielt frischen und ansehnlichen Fußball und kann deshalb bei den niederländischen Fußball-Liebhabern mit großer Sympathie rechnen. Den ‘typischen deutschen Fußball’ gibt es nicht mehr: Denn um das Jahr 2000 vollzog sich nicht weniger als eine Revolution in der deutschen Nachwuchsarbeit. Ein junger Bundestrainer mit erfrischenden Ideen erledigte den Rest.

Nach dem Mauerfall war der deutsche Fußball rapide in Verfall geraten. Vor dieser Zeit war der Sport ein Kristallisationspunkt der ideologischen Konkurrenz zwischen Ost- und Westdeutschland gewesen: Die Frage nach der sportlichen Überlegenheit wurde zur Frage der ideologischen Überlegenheit stilisiert und war so Antriebsfeder sportlicher Konkurrenz.

 

Diese Antriebsfeder fiel nach dem Fall der Mauer weg. Hinzu kam, dass die ehemals getrennten Nationen plötzlich eine gemeinsame Nationalmannschaft formen mussten, was mit Schwierigkeiten verbunden war. Durch das Bosman-Urteil und durch gestiegene Einnahmen der Bundesliga-Vereine spielten immer mehr Ausländer in der Bundesliga. Bei der EM 1996 und der WM 2002 folgten dann noch zwei eher zufällige Erfolge mit einem Turniergewinn und einer Finalteilnahme – aber dabei blieb es. Nach der desaströsen EM 2000, bei der der Titelverteidiger Deutschland mit sage und schreibe einem Punkt ausschied, war das Maß für den Deutschen Fußballbund voll. Es musste sich etwas ändern. Es war Zeit für Revolution.

Man wählte nicht den einfachen Weg (normalerweise: einen neuen Trainer verpflichten), sondern das Problem wurde bei der Wurzel gepackt: der Nachwuchsförderung. Der DFB verpflichtete jeden Club aus der ersten und zweiten Bundesliga, eine eigene Fußballakademie aufzubauen. Damit waren ebenfalls strenge Regularien verbunden, so gab es zum Beispiel eine Mindestzahl an Nachwuchstrainern und spezielle Anforderungen an die Sportanlagen. Zudem trug der DFB den Clubs auf, pro Jahrgang mindestens zwölf deutsche Spieler auszubilden, damit sich die Vereine auf deutsche Talente konzentrieren.

Neben dieser Verpflichtung der Vereine hat man unabhängige Fußballakademien errichtet. Vor allem aber veränderte der DFB das Grundprinzip der Ausbildung. Vorher bildete Deutschland vor allem “Charakterfußballer” aus, die sich durch “Tugenden” wie starker Physis und Durchsetzungsvermögen auszeichneten. Nach 2000 wurde der Fokus auf taktisches und technisches Training verlegt, wo einiges aufzuarbeiten war. Das ganze Projekt kostete die Deutschen unzählige Millionen Euro, aber all dies beginnt offenbar zu fruchten.

Wichtig dabei war die Entscheidung für den jungen Bundestrainer Jürgen Klinsmann im Sommer des Jahres 2004. Dadurch, dass Klinsmann in seiner aktiven Zeit nicht nur in Deutschland gespielt hatte, sondern auch in Italien, England, Frankreich und den USA, war er in der Lage, die Dogmen des deutschen Fußballs zu durchbrechen. Er experimentierte intensiv mit Spielern und Systemen. Dafür hatte er auch die Zeit, weil Deutschland die WM 2006 ausrichtete und dadurch automatisch qualifiziert war: Pflichtspiele standen in dieser Zeit nicht an.

Dennoch nahm die Kritik zu, je näher das Turnier rückte. Klinsmann setze auf zu junge Spieler und sein Stil sei zu offensiv, kritisierten viele Deutsche. Zudem lebte er in den USA, was viele deutsche Beobachter nicht gerade schätzten. Der DFB allerdings behielt sein Vertrauen in den jungen Trainer, und dies mündete letztlich dann auch in das, was die Deutschen das “Sommermärchen” nennen. Mit gepflegtem Fußball gewann Deutschland die Herzen vieler Fußball-Liebhaber und schließlich auch den dritten Platz bei der Weltmeisterschaft.

Nach dem Turnier folgte der Assistent Joachim Löw seinem Cheftrainer Klinsmann und führte seinen Stil nach der WM 2006 fort. Bei der EM 2008 erreichte er mit ansehnlichem Fußball das Finale; bei der WM 2010 erreichte er abermals den dritten Platz. Diese EM soll die Krönung einer Ära werden, die vor zwölf Jahren einsetzte.

Auch der deutsche Clubfußball wird zusehends besser. Nach England und Spanien hat Deutschland die stärkste Liga in Europa, und im Gegensatz zu England kommen deren starke Spieler aus dem eigenen Land. Beim Meister Borussia Dortmund stehen mindestens sechs Deutsche in der Startelf, während Champions-League-Finalist Bayern München meist mit sieben Deutschen in der Anfangsformation antritt. Und deren österreichischer Linksverteidiger David Alaba kommt ebenfalls aus der eigenen Jugend.

Hauptgewinne gab es in der jüngeren Vergangenheit keine, aber die Sympathie für den deutschen Fußball nimmt merklich zu. Aus einer jüngeren Untersuchung der ING-Bank geht hervor, dass die Europäer nach Spanien den Deutschen am meisten den Titel gönnen (http://udoc.nl/docs/a87537/ek-nomie-deel-1-voetbal-en-economie-ing-2012/).

Von der heutigen Nationalelf ist Bayern München selbstverständlich quasi Hoflieferant. Badstuber, Hummels, Lahm, Schweinsteiger, Kroos und Müller kommen aus der Jugendabteilung des deutschen Topclubs. Fünf weitere Spieler wechselten überdies später zu den Bayern.

Meister Borussia Dortmund hat auch einen ordentlichen Anteil mit drei selbst ausgebildeten Spielern (Schmelzer, Reus und Götze) so wie zwei weiteren, die später zu den Dortmundern gewechselt sind (Hummels und Gündogan). Ausgezeichnet ist außerdem offenkundig die Jugendausbildung von Schalke 04, die mit vier Spielern vertreten ist (Neuer, Özil, Höwedes und in frühen Jahren Gündogan), aber die Kraft der Deutschen Nationalmannschaft scheint darin zu liegen, dass die Spieler aus vielen verschiedenen Nachwuchsabteilungen kommen.

In 14 verschiedenen Jugendakademien sind die 23 deutschen Nationalspieler ausgebildet worden. Der Erfolg der Nationalelf von heute ist daher vor allem ein Erfolg des DFB, der seit dem Jahr 2000 die Jugendausbildung reformiert hat. Mit dem Fokus auf taktische und technische Fähigkeiten, kann man von einer Ausbildung sprechen, die der holländischen Schule gefolgt ist. Zudem haben die Deutschen aber auch noch eines: Ihre enorme Siegermentalität.

In der Zwischenzeit lag in den Niederlanden der Fokus in den letzten Jahren mehr auf physischer Kraft und dem was man “Mentalität” nennt. Das war auch bitter nötig, um Ansprüche auf mehr als Schönheitspreise anzumelden, meinte man. 2010 führte diese abgeänderte Philosophie zu einer Finalteilnahme bei der WM.

Heute abend steht das lang erwartete Kräftemessen mit Deutschland an. Es ist das Duell zwischen einer deutschen Mannschaft, die die holländische Schule durchlaufen hat und einer niederländischen Mannschaft, die immer mehr der deutschen Schule folgt. Vor einem halben Jahr demütigte Deutschland die Mannschaft von Bert van Marwijk mit einer 3:0-Niederlage. Jetzt kommt es darauf an: entweder zeigt die niederländische Elftal deutsche Tugenden oder sie können einpacken. Ein ungerechter Sieg in der Nachspielzeit würde da wunderbar ins Bild passen.

Translation by

About Pieter Zwart

Pieter is naast eindredacteur bij Catenaccio ook bureauredacteur bij Voetbal International. Hij is al vanaf het begin betrokken bij Catenaccio. Pieter richt zich vooral op financiële en tactische analyses, maar schrijft ook andere onderzoeksartikelen. Volg Pieter op Twitter | Meer artikelen van Pieter